STRAFRECHT UND VERNUNFT

Über diesen Blog und mich

Dr. Thomas Galli

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Dr. Thomas Galli (Jahrgang 1973): Nach dem Studium der Rechtswissenschaften habe ich mich auch mit den sozialen und individuellen Grundlagen des Strafrechts beschäftigt, und zusätzlich Kriminologie (Master of Arts) und Psychologie (Bachelor of Science) studiert. Beruflich bin ich nach einer kurzen Zeit als Rechtsanwalt seit 2001 im Strafvollzug sowie als Lehrbeauftragter für Kriminologie tätig. Von 2012 bis 2014 war ich zusätzlich für eine Maßregelvollzugseinrichtung tätig. Ich bin u.a. Mitkommentator im Kommentar zum Strafvollzugsgesetz (Hrsg. Feest/Lesting) und befasse mich als Kriminologe mit allen Fragen im Zusammenhang mit dem Umgang mit strafbarem Verhalten und Menschen.

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Ziel dieser Überlegungen und dieses Diskurses ist, dazu beizutragen, den Schaden, den wir Menschen uns gegenseitig zufügen, möglichst zu reduzieren und einen gerechten Ausgleich des ewigen Konfliktes von individuellen und kollektiven Interessen zu unterstützen. Wenn wir uns fragen, welche strafenden Reaktionen auf schädigendes Handeln Einzelner vernünftig sind und wie ein solches möglichst vermieden werden kann, müssen wir beides analysieren, individuelles und gesellschaftliches Verhalten. Bei einer analytischen und ideologiefreien Betrachtung des Phänomens der Kriminalität, die übrigens Rückschlüsse auf das Funktionieren einer Gesellschaft allgemein ebenso zulässt wie es die Analyse einer Krankheit über das Funktionieren des Körpers tut, wird besonders deutlich, wie untrennbar individuelles und gesellschaftliches Handeln miteinander nicht nur auf der Ebene der Folgen, sondern auch auf der der Voraussetzungen verwoben ist. Das eine kann nur im Kontext mit dem jeweils anderen erklärt werden. Wenn wir anfangen, einen bestimmten Sachverhalt, ein bestimmtes (individuelles oder kollektives) Verhalten zu analysieren, können wir nicht anders denken als von Ursache zu Wirkung. Gerade bei unserem Thema müssen wir uns dabei aber bewusst machen, dass es sich immer um eine Verkürzung handelt, jede Ursache, die wir identifizieren, kann auch als Wirkung einer anderen Ursache definiert werden, jede Wirkung ist zugleich eine weitere Ursache usw. Auch hat jede Ursache wieder eine eigene Ursache, jede Wirkung eine weitere Wirkung.  Drehen wir uns also im Kreise, gibt es keinen Anfang und kein Ende, keine Möglichkeit das Problem der Kriminalität überhaupt gänzlich zu verstehen und zu beschreiben, geschweige denn es zu lösen? Ist das Thema zu komplex, um es gedanklich begreifen zu können? Ganz so halt- und ziellos scheint die Unternehmung nicht zu sein, auch wenn im Bereich der Kriminologie noch lange nicht alles gedacht ist, was zu denken wäre. Schädigendes Verhalten Einzelner gehört zur menschlichen Existenz, so wie repressive Maßnahmen der Gesellschaft gegenüber Individuen zur sozialen Existenz gehören.“Kriminalität“ lässt sich also vielleicht als Begriff beseitigen, nicht aber als Tatsache, sowenig wie sich Krankheit oder Tod beseitigen lassen. Wird also die Existenz der Kriminalität an sich als Problem definiert, wäre dieses in der Tat unlösbar. Nicht unveränderbar mit der individuellen und sozialen Existenz verbunden sind jedoch Art und Ausmaß der schädigenden Handlungen Einzelner und der präventiven und repressiven Maßnahmen der Gesellschaft. Ziel unserer Überlegungen ist also das zu erkennen, was veränderbar ist. Hier nun kommt das ins Spiel, das wir am ehesten mit dem Begriff der Vernunft beschreiben können, die frei nach Goethe zwischen Notwendigkeit und Zufall steht und beide zu beherrschen weiß. Im Rahmen unseres Themenkreises Strafrecht und Vernunft wollen wir uns zunächst darauf einigen, dass ein individuelles und gesellschaftliches Verhalten vernünftig ist, das auf einer breitest möglichen Basis des Wissens reflektiert und bewusst gemacht wird und möglichst wenig Schaden anrichtet bzw. diesen weit möglichst reduziert. Je mehr wir wissen und bedenken, desto mehr wird es uns gelingen, Schädigungen Einzelner und der Gesellschaft reduzieren zu helfen. Dazu soll in diesem Blog die strafrechtliche Relevanz (mehr oder weniger) aktueller Erkenntnisse insbesondere aus dem psychologischen und soziologischen Bereich herausgearbeitet werden.